Ein Dichter des späten Expressionismus
 A.Rudolf Leinert (1898 - 1969)

  "Der aussätzige Mai" - Der Expressionist A.Rudolf Leinert heisst der Band der Reihe Replik 8 der © Edition Isele, 79805 Eggingen 1999     ISBN 3-86142-119-6   Ein Porträt von Wulf Kirsten und Peter Salomon.   
 

 A.Rudolf Leinert - Anfang der 60er Jahre

EINE BUCHEMPFEHLUNG

Peter Solomon schreibt in dem Band u.a. über A. Rudolf Leinert:

„Der Nachlaß des Lyrikers A. (Albert) Rudolf Leinert ist auf der Müllkippe gelandet. Die Spuren, die er hinterließ, sind ausgesprochen spärlich. Neben einem einzigen Gedichtheft finden sich lediglich einige verstreute Veröffentlichungen im Umfeld des Dresdner Spätexpressionismus. Ein nennenswertes Echo fanden seine literarischen Aktivitäten weder zu seinen Lebzeiten noch nach seinem Tode.
Bei der Durchsicht expressionistischer Zeitschriften ist mir Leinert immer wieder aufgefallen durch die Qualität mancher seiner Verse. Und ich stellte fest, daß er mit dem expressionistischen Dichter Rudolf Adrian Dietrich - sozusagen »meinem hauptsächlichen Arbeits- und Sammelgebiet« - ein Leben lang bekannt und teils befreundet war.
Über Dietrichs Nachlaß, der im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt wird, ließ sich dann auch ein erster Lebensfaden aufnehmen. Es gibt einen umfangreichen Briefwechsel zwischen Dietrich und Leinert. Und Leinerts Briefen waren immer wieder Gedicht-Typoskripte beigefügt, teilweise unveröffentlicht und teilweise wieder von auffälliger Qualität. Erstmals kam mir der Gedanke, daß man versuchen sollte, eine Auswahl dieser Verse dem expressionistischen Kanon hinzuzufügen. Nun sind zwar in den letzten Jahrzehnten von der Literaturwissenschaft zahlreiche Kleindarsteller des literarischen Expressionismus erforscht und vorgestellt worden. Die meisten sind jedoch nur von regionalem Interesse, allenfalls als Projekte-Macher oder nur in Bezug auf andere Größen bedeutsam. Ihre eigene expressionistische-Dichtung ist oft nur »gut gemeint«, also - nach Gottfried Benn - das Gegenteil von Dichtung. Unter Leinerts Gedichten habe ich dagegen einige gefunden, die den Vergleich im Kontext des Spätexpressionismus nicht zu scheuen brauchen.

Pfingsten 1986 lernte ich im Hause Martin Walsers in Nußdorf am Bodensee den Dichter, Herausgeber und Lektor Wulf Kirsten aus Weimar kennen. Hieraus entwickelte sich ein bleibender freundschaftlicher und kollegialer Kontakt. Im Laufe unseres brieflichen Austausches stellte sich heraus, daß Wulf Kirsten mit A. Rudolf Leinert in den sechziger Jahren noch selbst korrespondiert hatte. Kirsten hat damals die noch lebenden Dresdner Expressionisten brieflich befragt und die Erkenntnisse archiviert. Auch hier existieren noch Briefe mit unveröffentlichten Gedichten, die das Konvolut aus dem Dietrich-Nachlaß ergänzen. Kirsten besaß auch einige Fotos, die ergänzt werden konnten durch solche aus dem Besitz eines Stiefsohnes von Leinert aus zweiter Ehe, Albert Jürgens. Einige Informationen und Fotos verdanke ich auch dem Berliner Expressionismusforscher Peter Ludewig.
Trotz dieser Quellen bleibt der Autor fast ohne Biografie und literarische Geschichte - eine dunkle Existenz. Auch bei der Bewertung dessen, was Leinert von sich erzählt hat, ist Vorsicht geboten. Er hat hochgestapelt und fabuliert. Der. Doktor-Titel ist angemaßt, und angeblich verfaßte Bücher sind nie erschienen. In »Kürschner's Deutschem Literatur-Kalender«, einem Schriftstellerlexikon, das sich auf die Fragebogen-Antworten der verzeichneten Autoren verläßt, sind für Leinert bis 1967 einundzwanzig Buchveröffentlichungen (incl. Herausgaben) angegeben:

Gott - Mensch, Geburt. Gedichte 1914/1918
Der aussätzige Mai. Gedichte 1914/1921
Der Neumond. Tragikomödie 1917/1920
Die Rückkehr vom Tode. Tragikomödie 1922/23
Höllenabsturz. Kammerspiel 1922/23
Noli nie tangere. Drama 1923
Die Kammer des Schweigens.
Drama 1924 - Das Weib. 4 Einakter 1924
Der Ehemann. Roman 1924
Schrei um Mitternacht. Roman 1928/29 - Alles um Dich. Gedichte 1929
Materie. Roman 1933
Benjamin R. Tacker, Gesammelte Schriften. Herausgeber 1934
Gedichte. 1951
Die Gruft. Drama 1951
Veragas. Schauspiel 1951 - Abgründe. Novelle 1951
Verschollene und Gerettete. Essays 1951
Requiem. Gedichte (o. J., im Kürschner 1958)
Stiftung Radunsky. Erzählungen (o. J., im Kürschner 1963)
Gedanken ohne Feigenblatt. Aphorismen (o.J., im Kürschner 1967)

Nachzuweisen ist jedoch nur der schmale Gedichtband »Gott -- Mensch, Geburt« von 1918. Den Titel unseres Replik-Heftes übernehmen wir von dem höchstwahrscheinlich nie erschienenen zweiten Gedichtband Leinerts, der wiederum einem Gedicht gleichen Namens folgt:

                                        Der aussätzige Mai

                                                 Viele Hunde sind auf Straßen gepflanzt.
                                                 Ihre Augen wollen die Welt vergiften.
                                                 Nackt glänzt das Fell.

                                                 Bäume verkahlen. Der trunkene Tag ist entzückt.
                                                 Ein kleines Schicksal hat ihn sehr erschüttert.

                                                Gelb blüht Himmel.
                                                Sonne starb.
                                                Der Abend verkühlt sich.

                                                Messer wetzen Zähne.
                                                Ein Schrei erstickt.
                                                Kälte schneidet.
                                                Eiter rinnt.

                                                Die Toten frieren in bleiernen Särgen.
                                                Ihre Träume sind vag.
 

Umschlag des Gedichtbandes 1918. Holzschnitt von Walter Otto Grimm.
 

                               Die Schlacht

                                      Am Ende wird nur noch ein totes Eingeweide sein!
                                      Hängeschultern trägt mürber Staub.
                                      Doch Fanfaren erbrechen sich in rissigen Schrein.
                                      Tier, ich bin Mensch! Ader friert.

                                      Kaffeehäuser waren sehr geduckt. Aeroplansang knirscht.
                                      Leer des Hirnes. Gleitend hinkt Gewehr.
                                      (Himmel, ist Deine Sonne verblutet?) Kommando bröckelt.
                                      Das lächelnde Kino. Aber Mund hängt schwer!

                                     Granaten sieben. Schnurrbart beißt winselnd hohlen Zahn.
                                     Alkoholiker wurden am Strande sentimental.
                                     Leichen fallen. (O Modergestank!) Hirnnerv schwellt Wahn.
                                     Aussatz pesten Kehlen. Ich hasse Dich, Tod!

                                     Fähnrichrufe skizzieren flatternde Wolken meeresblau.
                                     Mord! Die letzte Silbe des Befehls wird betont!
                                     Augen trinken Luft. Du bleiche Wut! Rumpf auf wehrhaftem Rumpf!
                                     Ich will einen Stern begraben! Einen Stern! Nicht den Mond-!!          
                                                                                                                                                [Winter 1915]


Albert Rudolf Leinert wurde am 1. Dezember 1898 in Dresden als Sohn eines Fabrikanten geboren. Über seine Familienverhältnisse, Schulausbildung und eventuelles Studium ist nichts bekannt. Fotos nach zu urteilen, besaß die Familie ein gutbürgerliches Haus, das Leinert geerbt hat - möglicherweise schon in sehr jungen Jahren und neben anderem Vermögen. Es sieht so aus, als sei er nie einer geregelten Arbeit nachgegangen. An Kirsten schreibt Leinert, er sei bereits vor dem Krieg ärztlich tätig gewesen, und »aufgrund notariell beglaubigter Urkunden [sei es ihm gelungen] wieder ins bürgerliche Fahrwasser zu kommen«.' Die Briefköpfe ziert ein »Dr. med.«, und auch auf Rezeptblättern schreibt er. Eine Dissertation ist aber nicht nachweisbar. Eine Praxis gab es nicht. Vor seinem Tod lief ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft und/oder Ärztekammer gegen ihn. In den Eintragungen des Kürschner taucht der Doktor-Titel erstmals 1952 auf, zusammen mit der Berufsbezeichnung »Privatgelehrter«. »Arzt« heißt es erstmals im Kürschner von 1958.
Über sein Leben in den zwanziger und dreißiger Jahren ist wenig bekannt. Angeblich verließ Leinert Dresden Mitte der zwanziger Jahre, um nach Berlin zu gehen, sei »aber zeitweise zu flüchtigem Aufenthalt wieder zurück[gekommen]«.z In Berlin hat er vor dem Zweiten Weltkrieg jedoch keinerlei Spuren hinterlassen. Und einem Steuerbescheid von 1950 ist zu entnehmen, daß er das Haus in Dresden zu dieser Zeit noch besaß. Im »Kürschner« von 1934 heißt es: »Auf Reisen«.

Die Nazi - Jahre soll Leinert in Zuchthäusern und Konzentrationslagern verbracht haben, u.a. sei er Häftling in Buchenwald gewesen. Dafür ließ sich jedoch nichts erbringen. Bereits im März 1933 habe er sich »in den Krallen der Gestapo befunden«... Seine »6000 Bände umfassende Bibliothek wurde größtenteils bei Haussuchungen von der Gestapo, der SS und der SA geplündert, wie auch mein übriges Eigentum«.' Fotos aus der Zeit nach Kriegsende zeigen einen von Entbehrungen und Strapazen Gezeichneten. Dies läßt darauf schließen, daß Leinert bis Frühjahr 1945 inhaftiert war. Genauere Angaben zu diesen Leidensstationen können jedoch vorerst nicht gemacht werden. In »Wer ist Wer?« gab Leinert an: »Unter Hitler Arbeitsverbot, 58 Mon. KZ.

                                      
Fritz Maskos: Dichter-Porträt mit dem Titel "Der Raucher"- rechts: Leinert nach KZ-Aufenthalt 1945

»Nach Kriegsende verbrachte [er] rundweg zehn Jahre in Süddeutschland«,' das heißt in Bad Tölz. Dort starb im Mai 1951 seine erste Frau. 1952 heiratete er dort in zweiter Ehe eine Berlinerin. 1954 zog er mit seiner Frau nach West-Berlin, wo er zuerst in Friedenau wohnte. Ende 1954 wurde diese Ehe geschieden. Leinert lebte fortan im Stadtteil Wilmersdorf. Immer wieder hält er sich für längere Zeit auf Ibiza auf. Am 1. April 1969 stirbt er in Berlin.
Besser dokumentieren läßt sich Leinerts literarische Tätigkeit. Er beginnt sehr früh zu schreiben; seine ersten Gedichte datiert er auf 1914.  Als Dichter gehört er jedoch eindeutig zur zweiten Generation des Expressionismus."
Bisher konnten 115 Gedichte von A. Rudolf Leinert zusammengetragen werden. Leinert soll in jeder Hinsicht eine "schwierige" Person gewesen sein: "Ich steh allein auf weiter Flur, weil ich nicht gewillt bin, mich auf Kompromisse einzulassen" schreibt er am 17.12.1966 an Wulf Kirsten. 1946 wurde er Autor der "Berliner Hefte für geistiges Leben" (Aufsätze über Else Lasker-Schüler, Franz Werfel und andere) und beim "Tagesspiegel", Berlin. Ab Mitte der 50er Jahre lebt er isoliert und Verbittert - "wie so viele, die sämtliche Nachkriegsjahre in alle Welt zerstreut haben".

                         Gruss Dir, O Mitmensch!

                                In stiller Träume blauer Dämmerung
                                Fühl ich Dich wieder durch mein Wesen wehen.
                                - Nun stürzt der Frühling in berauschte Schlehen.
                                Die Felder atmen. Und ihr Blut ist jung.

                                Da glomm ein Schauer über meine Haut.
                                Ich sah die Berge satte Trauben tragen
                                Nach einem Sommer, reich an Erntewagen.
                                Du bist mir fremd und doch so tief vertraut.

                                Wir sind uns wohl in funkelnder Allee
                                Schon oft begegnet. Nur mit stummem Munde.
                                Bald schlägt die Uhr an unsre große Stunde.
                                Ein weißes Leuchten flammte überm See.

                                Der Rehe Sanftmut gab sich Deinem Blick.
                                Die Wiesen glitten in Dein Armebreiten.
                                Der Weg war glücklich unter Deinem Schreiten,
                                Und aus den Wäldern trieb es wie Musik.

                                Und auf des Regenbogens Flügel ritt
                                Dein Menschen-Lächeln und fand gute Worte.
                                Die Sonne stieg. Der Erde goldene Pforte
                                Erglühte purpurn vor dem letzten Schritt

                                O Meer und Himmel!O, nach diesem März
                                Der Strenge nochmals einen Mai zu leben,
                                Wo Sterne sind, die Gottes Schuld vergeben.
                                - Ich rufe Dich! Brich auf, geliebtes Herz!!

                                                                       (aus den "Berliner Heften", 1946)

Einen besonderen Zorn entwickelt er auf die Gruppe 47 und vor allem auf Günter Grass und Uwe Johnson: »Berlin hat mich konsequent und in gehässiger Weise ignoriert. Dafür läßt man den Dilettanten Graß fast täglich hochleben" ... In der Gruppe 47 ist alles Pseudo und Möchtegerne` ... Die >47< mit ihrem Erzdilettanten Graß habe ich seit Anbeginn heftig bekämpft` ... Wer hier den unaussprechlichen Graß oder den öden Uwe Johnson nicht kniefällig anbetet, wird rigoros von der Liste jener gestrichen, die überhaupt noch erwähnenswert sind.«
In den Briefen an den früheren expressionistischen Weggefährten Rudolf Adrian Dietrich wird sein Zorn auf die junge Dichtergeneration noch aggressiver und nimmt wahnwitzige Züge an. Ebenso schimpft er auf die damaligen Politiker, vor allem auf den Berliner Oberbürgermeister Willy Brandt. Er hat aber auch noch einen letzten Traum, nämlich »mit einer mutig-aggressiven Zeitschrift in diese Fäulnis zu stoßen...«" Und: »Stets habe ich es beklagt, keinen Teilnehmer an der Herausgabe einer avantgardi­stischen Zeitschrift zu finden«.` So bleibt auch diese Idee Leinerts, wie wohl auch seine sonstigen literarischen Projekte, unverwirklicht."                               Peter Solomon/Wulf Kirsten

Die
Textauswahl in diesem empfehlenswerten Replikheft  8 der Edition Isele stellt ausschließlich den Lyriker A. Rudolf Leinert vor. Prosatexte und Essays konnten aus Platzgründen keine Aufnahme finden.                                                              

Eulenspiegel kehrt heim

Er kam von irgendwo. Er wußte nicht,
Ob er den Ort dort Heimat nennen konnte.
Der Weg stieg steiler; und der Tag besonnte
Ihn noch mit einem letzten Abendlicht.

Doch hinterm Berge ward es immer trüber;
Er selber matt. Ein Fuhrknecht, der mit He!
Sein Pferd antrieb, zog ohne Acht vorüber.
Und bitter roch er schon den ersten Schnee.

Die Astern welkten. Durch der Zäune Latten
Griff kalter Wind. Darin hob sich Wald.
Sein Hund verfolgte treulich seinen magren Schatten
Wie eine Leiche, die man zum Bestatten
Trägt, und ein Lächeln fror um seinen Mund.

Wahnsinn -­ -

Verrostetes Gehirn. (Sehr lüstern schäumt ein Ohr!)
               Dasein wächst aus Stern-Nacht, blutrotes Bett.
Beglitzte Häuserfetzen schaukeln, Sonnen über dürrigem
                Aas. Revolver glüht. Kehle brennt Schreie.
Arme fallen in hüftichte Berge. Schweiß atmet Grabgepest.
               Lurche kriechen, in hirniger Schale Fett
Hinkt Klumpfuß, elephantiastische Seuche, Haar klebt
               Schleim. Kot erkotzt zahnbraune Reihe.

O du hingeruchtes Menuett zwischen Morgen und
               Abend; daß Himmel mürbe Haut Peitsche
               fühlen läßt.
(Vater der Güte ...) Nerven platzen, Mondkugeln gen
               Nord zerrinnend. Mund liebt Worte. (Gott
               ahnt in Blöße.)
Arme falten Bitten. Messer parzelliert reizende Poren.
                (Kirche, kreuzhafte Maske, winselt-:
                 »Erlöse ...«)
Brüllen steigt; rasender Fluch wider »Gerechtigkeit«.
                 (O du  kranker Vers!) Matratze, tröpfelnder
                  Wurm, hängt vernäßt.

Stirn bricht empor! -Was soll Dein Heulen, Tränen
                ­sack? Nirgend-Wo löst Faust. Ich gebäre
                Dich, Lüge!
Weibroh klafft Schoß, haarige Empfängniswut. Brüste
                spannen Flügel. (0 du Geburtsehnsucht!)
                Menschen! Geschlechtliches Vieh!
Du Prostitution! Du Lesbierin! Du Absinth! Du Ehe!
                 Du Münzgewinsel ewiger Pokergier!
                 Daß mein Blick Euch erschlüge-!
Zischend krallt Dämmerungs eitrige Zunge. Schweinige
                 Bäuche rhythmisieren. Ich! Ich!! Mein
                 Name! ... La bourse ou la vie-!!


 
  Ausserdem Gedichtveröffentlichungen u.a. in: SCHREI IN DIE WELT - Expressionismus in Dresden, Zürich 1990                                               

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