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Der Morschener Wandelaltar

 

© Eugen Mahler (*1927)

www.eugen-mahler.de

 


Eugen Mahler mit Zauberer.  2006
 

Ausstellungen im Staatstheater Kassel (Intendant Michael Leinert)

1997/98     Von der Kehricht-Collage zum Flügelaltar – Bilder, Montagen, Schreine und   
                  Triptychen aus 45 Jahren (Einzelausstellung): Foyer des Staatstheaters Kassel 

1997–99    Der Morschener Wandelaltar (Einzelpräsentation): Foyer des Staatstheaters Kassel

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Ein Altar, vier Gesichter

Vier völlig verschiedene Ansichten bietet der Wandelaltar, den der Morschener Künstler Eugen Mahler geschaffen hat.
In der Klosterscheune Morschen hat er einen vorläufigen Standort gefunden.
„Ich bin kein religiöser Mensch im kirchlichen Sinne“ sagt der Mann und baut einen Altar.
Baut jahrelang
, arbeitet, schafft, werkelt, sammelt, fügt zusammen, modelliert, sägt und schnitzt, bis das Meisterwerk fertig ist.
Keine Arbeit für die Werkbank, kein Altärchen, kein Schmuckstück für irgendeinen
Seitenflügel der Kirche, vielmehr ein Goliath.
Ein Werk nach dem Vorbild des berühmten Isenheimer Altars, jedenfalls was die Maße angeht: 4,20 × 5,40 Meter aufgeklappt,
mit eingezogenen Flügeln immerhin noch 2,70 Meter breit.

Nach metrischen Maßstäben ist das Werk von Eugen Mahler leicht beschrieben, nach künstlerischen nicht.
Zu verschieden sind die Ansichten, die sich mit Muskelkraft aufblättern lassen.
Von 1993 bis 1997 entstanden, zeigen die vier Bilder die ganze Bandbreite des Mahlerschen Lebenswerks.
Da geht es auf den ersten beiden Seiten, die noch am ehesten eine künstlerische Nähe zueinander haben, recht kraftvoll zu.
Die tachistische Malweise, die Mahler von 1947 bis 1959 bevorzugte –
er nennt sie seine „Würzburger Zeit“ – ist mit ihrem abstrakten Expressionismus recht festgelegt.
Im dritten Bild erwartet den Betrachter eine Überraschung. Tausendmal Himmel und Hölle: eine riesige Collage,
gefaltet aus stern-Papier. Eine Fleißarbeit, die durch ihre Dreidimensionalität von jeder Seite her betrachtet andersfarbig erscheint,
im linken Teil allerdings immer etwas roter anmutend.

„Stimmt! Da hat mir etwas Rot gefehlt“ erzählt der Künstler über den Grunde der Be-SPIEGEL-ung, wie er den aus der Not geborenen
Kunstgriff nennt. Den SPIEGEL sortierte er links vom stern. Tausende von Blättern faltete er, wie viele, das hat Mahler nicht gezählt.
„Jede einzelne Faltung ist ein Abenteuer für sich.“ Sein Blick wandert die Faltwand hinauf: „Da oben sitzt Gott Vater“ sagt der Künstler,
eine zweite Parallele zum Isenheimer Altar ziehend.
Wie war das noch: „Ich bin kein religiöser Mensch, sondern nüchterner Naturwissenschaftler, aber ständig im Staunen
über die Schöpfung.“ Sein Werk unterstreicht diese Aussage. „Die Schöpfung“ wie er die erste Ansicht betitelt, Tod und Leben,
Vergänglichkeit, die Kreuzigung, die er mit Rot und Blau auf dem zweiten Bild – eine Anspielung auf venöses und arterielles Blut, darstellt:
überall finden sich religiöse Ansätze in seiner Arbeit.

Schaurig mystische schließlich die vierte Ansicht, deren Predella in fünf Spiegelkästen verschiedene Vanitas-Motive zeigt:
Libelle und Larve, Maske, die Galionsfigur einer Gondel, die Glaskugel. „ein bisschen Tod in Venedig eben.“ Im Mittelpunkt ein
menschlicher Schädel, ein Überrest aus der Medizinstudentenzeit des Arztes. Daneben Knochenreste einer Möwe.
Dahinter stehe die Ehrfurcht vor Tod und Leben, erläutert Mahler. Jedoch solle der untere Querkasten mit seinen Verspiegelungen
auch eine Parodie auf die Glitzerwelt der Kirche sein. In den Schrein darüber baute der Künstlersieben aufeinander bezogene Objektkästen
mit Fundhölzern ein. Er versteht sie als großräumige Anspielung auf seine sonst als „Tagesreste“ apostrophierte Arbeiten.
Strandgut eines langen Küstenlebens. Treibgut vom Fulda-Hochwasser, übersprüht mit Gold, glänzend vor graublauem Hintergrund.
Edel wirkt diese Ansicht. Die Wellpappenschnitzereien auf den Seitenflügeln sind farblich abgestimmt.

Der frühere Intendant des Kasseler Staatstheaters, Michael Leinert, ordnete diese Ansicht dem Rheingold im
Ring der Nibelungen
zu.  Während der Aufführungen des Opernzyklus von Wagner (September 1997 bis Juli 1999 )
wurde der Wandelaltar im Foyer des Opernhauses Kassel gezeigt.

Zufall oder Fügung, dass während der Entstehung des Altars die Walkürensängerin Gabriele Schnaut bei der Performance
für die zweite Ansicht (1993) zugegen war, ihren Finger in die frische Farbe tauchte und den linken Flügel mit GABI signierte?

Vier Jahre später ordnete Leinert dieses Bild der Walküre zu, ohne die Signatur bemerkt zu haben.

Die Faltcollagen-Ansicht wählte er für Siegfried aus und Mahlers „Schöpfung“ für die Götterdämmerung.

Nach dem ungeplanten Gastspiel im Staatstheater Kassel wanderte der Wandelaltar wieder zurück nach Morschen:
in die Kulturscheune des Klosters Haydau.


Wie es weitergeht mit dem Morschener Wandelaltar, der zu einem Wanderaltar wurde, ist ungewiss.
Mahler: Mein Wunsch wäre schon, dass er einmal in ein Museum kommt.“
                                                                                                                                                Andrea Brückmann  [21.Januar 2000]

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