Mit Lolita-Liebreiz

Hamburger Kammeroper: Gelungener "Barbier von Sevilla". Ein vergnüglicher Abend im Allee-Theater mit einer herausragenden Sopranistin. Der große Erfolg von Rossinis "Barbier von Sevilla" im Jahr 1817 besiegelte gleichzeitig den Niedergang der gleichnamigen, bis dato sehr beliebten Oper von Giovanni Paisiello: Gegen die Ohrwürmer des neuen Mega-Sellers hatte das ältere Stück mit seiner komplexeren Handlungsführung à la Beaumarchais keine Chance und verschwand für rund zwei Jahrhunderte in der Versenkung. Nun hat die Hamburger Kammeroper Paisiellos Werk zu neuem Leben erweckt - und dem Publikum im Allee-Theater damit einen zumindest über weite Strecken vergnüglichen, stellenweise sogar hinreißenden Abend beschert. Das liegt zunächst einmal ganz einfach daran, daß alle Darsteller ganz vorzüglich sprechen: So kann man nahezu jedes Wort des Textes verstehen, den Barbara Hass pfiffig und pointenreich ins Deutsche übersetzt und mit zahlreichen aktuellen Anspielungen aufgepeppt hat. Obwohl sich dabei mancher Gag ("Ich schicke euch in den HARTZ!") eng am Schenkelklopf-Niveau entlang- kalauert, wirkt das Ganze niemals peinlich, sondern bleibt stets witzig: weil auch die Inszenierung von Michael Leinert alle Figuren einen Tick überzeichnet und damit sehr gekonnt eine ironische Distanz zum Bühnengeschehen und sich selbst einbaut.

Rosina Victoria Goia und Bartolo Marius Adam

Auf diese Weise wird die intrigenreiche Geschichte um den findigen Figaro, der seinem früheren Dienstherrn Graf Almaviva behilflich ist, die schöne Rosina aus der altersgeilen Obhut von Bartolo zu befreien, zum komisch-kurzweiligen Musikspaß.

Jedenfalls verdient auch die Musik von Paisiello wieder mehr Beachtung; insbesondere die Liebes-Arien entfalten einen anrührenden Zauber - was nicht zuletzt an der Darbietung des auch sängerisch insgesamt exzellenten Ensembles liegt. Herausragend: die junge moldawische Sopranistin Victoria Goia als koloratursicheres Knopfaugen-Luder Rosina, deren charmant durchtriebenem Lolita-Liebreiz an diesem Abend nicht nur Bartolo und Almaviva verfallen sind.

 

DIE WELT Hamburg Feuilleton 21.Oktober 2005

Überschäumender Barbier brezelt Allee-Theater auf

Ein Hattrick ist Hamburgs Kammeroper Allee Theater mit der Premiere von Giovanni Paisiellos "Der Barbier von Sevilla" gelungen. Erstens: Sie hat der zu Unrecht im Schatten von Rossinis "Barbier" stehenden Oper zu einem musikalisch höchst befriedigenden (Dirigent: Klaus Dieter Jung), szenisch und ausstatterisch leicht überdrehten Bühnendasein verholfen (Regie: Michael Leinert, Bühnenbild: Walter Perdacher). Zweitens: Erstmals wurde Mozarts Arie "Schon naht der holde Frühling" (perfekt gesungen von Victoria Goia als Rosina), eigens für Paisiellos Oper komponiert, nie aber in diesem Kontext gesungen, an ihren angestammten Platz gerückt. Drittens: Manfred Trojahn hat im Auftrag der Kammeroper im Sinne alter Musikpraxis eine Arie für die Dienerin Giovanetta komponiert, die sich, stilistisch mit kleinen Widerhaken versehen, perfekt Paisiellos Sprache anpaßt. Claudia Römer singt sie mit Witz.

Claudia Roemer (Giovanetta) und Komponist Manfred Trojahn nach der Generalprobe

Drei Pfunde also, mit denen das auf Trouvaillen spezialisierte Haus wuchert. Trotz finanzieller Not gelingt es dem Allee Theater immer wieder, den Zuschauer auf glückhafte Entdeckungsreise zu schicken.                           MN

HAMBURGER MORGENPOST 21.10.2005

Ein kaiserliches Opernvergnügen
FF

Gut, dass die Zarin seinerzeit solch klare Vorgaben gemacht hatte: Eine vergnügliche Oper sollte Giovanni Paisiello schreiben, nicht zu lang und ohne überflüssiges italienisches Geplappere - Katharina die Große wollte sich schließlich amüsieren. Offenbar hatte das Team der Hamburger Kammeroper am hiesigen Allee Theater die Worte der Regentin bei ihrer Neuinszenierung von Paisiellos "Barbier von Sevilla" noch im Ohr: Kurzweiliger und pointenreicher unterhält derzeit kein anderes Musiktheater in der Stadt!

Grundlage hierfür ist die witzig-pfiffige Übersetzung von Hausherrin Barbara Hass, mal hintersinnig, mal kalauernd, mal mit aktuellen Anspielungen ("Ich hab' ein paar Elbphilharmoniker mitgebracht - die kosten natürlich eine Kleinigkeit ...") - das Publikum kommt aus dem Lachen kaum raus. Aber auch die Regie von Michael Leinert überrascht mit genau dem rechten Maß an Ironie und kleinen Überdrehungen.

Vor allem aber erlebt das Publikum hautnah die komödiantischen Talente der Sänger. Und die sind mindestens ein solcher Genuss wie die stimmlichen, allen voran Michael Müller-Deeken als Figaro und Victoria Goias Rosina - eine Mischung aus Knopfaugen-Barbie und Kanarienvögelchen. Ein kaiserliches Opernvergnügen!

URL: http://archiv.mopo.de/archiv/2005/20051022/hamburg/kultur/ein_kaiserliches_opernvergnuegen.html

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