Leinert Vater & Son's
          OPERNCOLLAGE

 

Friedrich Leinerts musikalische Collage in Gelsenkirchen:

A.H. - Bilder aus einem Führerleben

"Hitler - wie er singt und lacht"

aus: DIE WELT 2. März 1974 - Peter Dannenberg

Das hätte uns nun gerade noch gefehlt: eine Hitler-Oper, die das Führerleben mühselig nachbuchstabiert;
dramatisierter und musikalisierter Fest; der Titelheld als bellender Baß oder vielleicht besser als überschnappender
Tenor; umgirrt von einer Eva Braun des lyrischen oder Koloraturfachs; an seinen Rockschößen der Opernchor im
braunen Hemde der SA.

Solch fatalen Ehrgeiz haben Friedrich Leinert, der Musiker, und Michael Leinert, sein Sohn und Textdichter,
gottlob nicht entwickelt. Sie zerpulvern eine große Zeit zur Kleinkunst. Ihre Collage „A. H.", uraufgeführt
im Kleinen Haus des Gelsenkirchener Musiktheaters, bildet jüngste Geschichte nicht ab, sondern knetet sie als
Spielmaterial durch. Sie splittert sie auf in Miniaturen, die munter im Tempus hin- und herspringen, unsere
Gegenwart (manchmal recht simplifiziert) in ihrer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit reflektieren,
Hitler in Spotlights als Kind und als Jüngling, als Agitator und als Staatsmann zeigen, als Inszenator seines
Ruhms und selbst seines Todes. Die Bilderfolge spitzt sich zuweilen ins Kabarettistische; und am komischsten,
erhellendsten wird sie immer dann, wenn sie ihren negativen Helden selbst in authentischen Äußerungen zu
Wort kommen läßt. Hitlers bester Parodist war eben Hitler selbst.

Heinz Leyer als komponierender Hitler am Klavier -
Udo Wegener als Jugendfreund August Kubizek (Photos:
© Majer-Finkes)

   

Photos links: Musikstudent Kubizek soll Hitlers verquaste musikalische Ideen notierend "ins Reine bringen".

Photos rechts: Kaffeetrinken mit Führers Lieblings-Süßspeise "Napf-Kuchen". Darunter:"Götterdämmerung"...

Zwei Teilaspekte haben Leinert Vater und Sohn aus der Führer-Totale herausgeleuchtet. Nur dadurch legitimiert sich ihr
vermessener Versuch, zwölf Jahre nationaler Verirrung in den Denaturierungen des „Großen Diktators" zu spiegeln
und diese auf der Bühne abzupausen. Er legitimiert sich, weil da Inhalt in die Form übergeht, ja zur Form selbst wird.
Das „Dritte Reich" als theatralisches Ereignis; seine Architektur das Bühnenbild; seine Aufmärsche die Inszenierung;
seine Uniformen die Kostüme; seine Feste als zeremonielle Rituale;- Hitler der, Regisseur dieses Reichsparteitags in
Permanenz: Darüber ist schon viel nachgedacht worden, und das schlägt natürlich auch auf das Stück und seine
Gelsenkirchener Einrichtung durch, Waltraut Engelberg hat die Breitbühne mit Hakenkreuzfahnen und Standarten
ausstaffiert und abgepolstert wie einen kultischen Andachtsraum. Der Regisseur Rolf Schneider schiebt, die Anregungen
von Werk und Bühnenbild allerdings nicht entschieden genug aufgreifend, zwischen die komisch-fürchterlichen
Kurzbrenner feierliche Huldigungsappelle, läßt die Szene zu Altarbildern versteinern.

Dazu gehört, und das ist der andere Aspekt, selbstredend Bayreuther Musik. Wagner, der dafür wenig kann und
darum noch nicht zum Präfaschisten wird, der mißverstanderne Wagner hat bei Hitler ja folgenschwere Wirkungen ausgelöst.

Der Besuch einer „Rienzi"Aufführung in Linz gab den Anstoß für den Entschluß, Politiker zu werden. Hitlers Identifikation
mit dem Volkstribun folgten weitere Identifikationen, die Identifikation mit dem .,Götterdämmerungs" - Finale selbst
noch im Tode. Wir wissen, daß Hitler eine Oper im Stile Wagners zu schreiben begonnen hat, kennen die Handlung von
„Wieland der Schmied", kennen aber nicht die Musik. Friedrich Leinert lehrt uns, indem er Hitler komponierend am
Klavier vorführt, wie sie etwa geklungen haben muß: eine Anhäufung nur kärglich modifizierter Leitmotive Wagners,
verbunden durch schauerlich-donnernde Leerakkorde, Dilettantismus als künstlerisches Prinzip - eine der einleuchtendsten
Momente von Leinerts musikalischer Substanzierung, die häufig von Wagnerschen Materialien ausgeht, frei phantasierend
sich von ihnen entfernt in groteske oder schmerzhafte Eskapaden. Spindeldürr das Instrumentarium aus Klavier,
Harmonium, Cello, Klarinette und Schlagzeug, das Dieter von Zdunowski führt, satt darüber gelegt, manchmal
kantilenartig sich ihm entfremdend, die Singstimmen.

Rollen-Identifikation ist hier natürlich nicht gefragt, wird durch die offene Dramaturgie der Anlage ebenso bewußt
hintertrieben wie durch manche Tricks - etwa den, Hitler in sechsfacher Gestalt auftreten und mit sich selbst singen
zu lassen. Trotzdem ist einer der sechs hochbesetzten Mitwirkenden (unter ihnen Wolf Hacke mit Gewandtheit in
manchen Dialekten) mehr Hitler als die anderen: der Tenor Heinz Leyer, der den komplex-geplagten wie den
pathetischen, den spießig-leutseligen wie den machtberauscht-perfiden Hitler stimmlich Emphase wie Brüchigkeit,
darstellerisch selbstbewußtes Brustraus und psychopathische Verkrampfungen gibt: ein Opernsänger als Kabarettist.

Aus den Lautsprechern kommt, neben Chören nach Texten von Stefan George, Marschmusik und Fliegerdonnern,
Wagner-Orchester und Kriegslärm, die akustische Kulisse, die sich das Hitler-Reich schuf und vor der die Kunstmusik
sich ducken muß. Am Ende dankt sie ganz ab.  Ein Sinuston, bis ins Schmerzerregende hochgedreht, jagt die
Zuschauer aus dem Saal - schließliche Resignation des Komponisten vor einem Stoff, der ihm unter den Händen
doch zu gewaltig wird, als daß er sich musikalisch-szenisch fassen ließe?
Ein Vorwurf indessen ginge ins Leere:
daß dieses Stück Vergangenheit nicht „bewältige". Was vielen recht ist, darf auch dem Musiktheater billig sein:
Marginalien zu einem Thema zu liefern, das uns noch lange beschäftigen und beschweren wird.
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